In der Nacht regnet es.
Mira liegt im Bett. Sie hört den Regen auf dem Dach.
Sie hört auch Schritte. Langsame Schritte.
Der Laternenmann.
Mira steht auf. Sie nimmt ihren Mantel. Sie geht leise hinaus.
Die Straße ist nass. Das Wasser läuft zwischen den Steinen.
Der alte Mann steht da. Über ihm hält er nichts. Der Regen fällt auf sein weißes Haar.
„Du bist wach“, sagt er.
„Ja.“
„Es regnet.“
„Ich weiß.“
Er sieht sie an. Dann nickt er.
„Komm.“
Sie gehen durch die Stadt. Die Laterne brennt. Das Licht ist klein.
Der Regen fällt durch das Licht. Jeder Tropfen ist für einen Moment hell. Dann ist er wieder dunkel.
„Warum geht die Laterne nicht aus?“, fragt Mira. „Im Regen?“
„Sie ist gut gebaut“, sagt der Mann. „Ein kleines Licht muss stark sein. Sonst hält es den Regen nicht aus.“
Sie gehen zum Brunnen. Sie gehen zur Brücke. Der Fluss ist heute laut. Das Wasser ist schnell.
Dann gehen sie zum Turm.
Der Turm ist nass. Der Stein ist dunkel. Das Wasser läuft über die Mauer.
Der Mann hebt die Laterne.
Mira sieht hin.
An einer Stelle läuft das Wasser anders. Es sammelt sich. Es bleibt für einen Moment in einer kleinen runden Form.
Wie ein Auge voll Wasser.
Dann läuft es weiter.
Mira atmet schnell.
„Hast du das gesehen?“
„Ja.“
„Der Turm … weint er?“
Der Mann sieht lange auf den Stein.
„Nein“, sagt er. „Das ist nur Regen.“
Mira sieht ihn an.
„Nur Regen?“
Der alte Mann schweigt.
Dann sagt er leise:
„Oder vielleicht ist Regen nie nur Regen.“
Mira sagt nichts. Aber das Wort gefällt ihr.
Vielleicht.
Der Regen wird stärker. Der Mann senkt die Laterne.
„Geh nach Hause, Kind. Heute ist keine Nacht zum Suchen.“
„Suchst du auch im Regen?“
„Ich suche jede Nacht.“
„Findest du mehr im Regen?“
Der Mann lächelt müde.
„Im Regen sieht man, wohin das Wasser will. Das ist auch etwas.“
Mira geht nach Hause. Ihr Mantel ist nass. Ihr Haar ist nass.
Aber in ihrem Kopf ist das kleine runde Wasser auf dem Stein.
Wie ein Auge.
Sie weiß nicht, was es ist.
Aber sie hat es gesehen.
Und gesehen ist gesehen.